Unfall am Rinjani Vulkan. Game over? (Indonesien 4)

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Es ist 05.20 Uhr als der Wecker klingelt und Torsten, Sven und ich unserem Guide durch die nachtschwarze Morgenluft folgen. Der Sonnenaufgang soll malerisch unseren Tag einläuten. Die fehlenden Taschenlampen fordern auf dem geröllreichen, unebenen Boden am Kraterrand ihren Tribut: Torsten knickt mit dem Fuß um und wir stürzen hart zu Boden.

Der Unfall

Es geht alles so schnell, dass ich keine Gelegenheit habe den Sturz kommen zu sehen. Ich spüre den Aufprallschmerz, aber auch, dass ich ansonsten ok bin. Torsten hingegen hat sich offensichtlich massiv am Fuß verletzt. Er hat starke Schmerzen, auch wenn nichts gebrochen scheint. Der erste Schock weicht langsam, ich beginne am ganzen Körper zu zittern. Einen klaren Kopf hat in diesem Moment niemand. Dünn zeichnet ein Lichtstrahl die Konturen des Bergpanoramas in weichem Orange nach. Unser Guide, zunächst selbst überfordert mit der Situation, organisiert, dass mich einer der Träger im Rucksack auf den Rücken nimmt. Bis zum Aussichtspunkt ist es nicht mehr weit. Sven hat Schmerzmittel dabei, die Torsten helfen wieder auf die Beine zu kommen. Von der Pracht des emporsteigenden Sonnenaufgangs hat jedoch niemand etwas.

It's all about trust

Die Schmerzmittel wirken. Lindernd, nicht lösend. Wie wir den Abstieg bewältigen sollen, ist unklar. Auf Situationen wie diese ist unser Bergtour-Anbieter offensichtlich auch nicht vorbereitet. Torsten macht deutlich, dass er den Versuch wagen will, nach unten zu wandern – natürlich ohne mich auf dem Rücken. Unser Guide spricht mit den Trägern ab, ob einer bereit ist mich zu übernehmen, denn das ist jenseits ihres Einsatzbereichs. Ich bin erleichtert als klar ist, dass die Träger zustimmen. Und gleichzeitig überkommt mich eine immense Anspannung. Torsten und ich sind ein eingespieltes Team, wir wissen umeinander, wir achten aufeinander und auch wenn manche es für eine lapidare Angelegenheit halten, einen Rucksack zu tragen oder in einem Rucksack getragen zu werden – bei Bergtouren wie den unseren, ist es vor allem eine Frage von Vertrauen, Miteinander und sehr offener Kommunikation. Ich bin zutiefst froh, dass dieser fremde Mann mich tragen wird. Ich bin zutiefst verunsichert, denn jetzt gebe ich mich ab. Ohne jedwede Handhabe. Für den Kontrollfreak in mir ein Alptraum.

Die Pausen sind willkommene Inseln des Ausruhens.

Slowly slowly – Stoßgebet

Schnell ist er, mein Träger. Wie die Füße all unserer Tour-Begleiter stecken die seinen in Flip Flops. Wir ruckeln, schlittern und wackeln über das Gestein. Die Bewegungen meines Trägers schütteln mich genauso durch, wie meine Angst und gleichzeitige Dankbarkeit. Achterbahn des Bergs und Achterbahn der Gefühle. Manchmal sage ich „slowly", was neben „stop" und „dangerous" zu den einzigen Wörtern zählt, die der Mann auf Englisch versteht. Selbst slowly ist er so schnell, dass wir die meiste Zeit allein sind, weit entfernt vom Rest der Truppe. Torsten ist umständehalber deutlich langsamer. Manchmal hält mein Träger auf die Bitte „Stop" an. Die Pausen sind willkommene Inseln des Ausruhens. Die unruhigen Bewegungen während des Abstiegs mitzuvollziehen, ist irre anstrengend. Wäre ich der Typ für Stoßgebete, an diesem Tag hätte ich sie inflationär ins All geschickt.

Glück im Unglück

Irgendwann sind wir tatsächlich unten, irgendwann tatsächlich wieder am Hotel. Alle. Bedanken uns. Verabschieden uns. Spüren uns das erste Mal wieder mit „Boden unter den Füßen". Das Hotel hat eine Art integrierte Arztpraxis, die wir direkt für Torstens Fuß aufsuchen. Die Möglichkeiten zur Diagnose sind begrenzt, geäußert wird der Verdacht auf eine Bänderdehnung.

Zurück in Deutschland stellt sich heraus, dass die Dehnung ein Riss ist und es angebrochene Knochenstrukturen gibt. Glück im Unglück: All das wird operationslos heilen. Ein Quäntchen mehr, und …ach nein, denken wir's nicht zu Ende.

Vielen Dank an meine Notfall-Träger, die spontan eingesprungen sind!

Game over? Next level​!

Indonesien hat mir unverhofft ein Update in puncto Respekt beschert. Weil ich mein Leben bewusst und selbstfürsorglich gestalte, minimiere ich sicher die Zahl kritischer Situationen. Jetzt wurde mir wieder einmal klar: Dinge passieren. Planbar ist nichts. Übergeh nie dein Bauchgefühl. Und feiere die Freundschaft – immer.

Welcher deiner Werte hat gerade ein Update erfahren und was wirst du immer feiern?


Wie unser Abenteuer begann: 

...

Vulkanisches Vergnügen (Indonesien 1)

Bei der Ankunft in der größten Stadt Südostasiens, Jakarta, fehlt mein Rollstuhl; die Zeit zum Weiterflug nach Yogyakarta ist knapp, der Wechsel der Fluggesellschaft keine Vereinfachung der Situation und dennoch bin ich bester Dinge. Denn so zeigt sich schon in den ersten Stunden unseres Trips: Reisen bleibt aufregend!

Erfolg braucht keine Freunde
Trading Wheelchair for Backpack (Peru 3)

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Sonntag, 31. Mai 2020

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