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Eine neue Zeitzone, im wahrsten Sinne des Wortes (2016 - Sri Lanka 2)

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Wer Fernreisen macht, kennt das Thema Zeitverschiebung. Die innere Uhr wird einem mehrfachen Salto Mortale unterworfen, und bis sich Hirn und Herz in der neuen Zeitzone eingependelt haben, kann es schon einmal ein paar Tage dauern. Darauf war ich natürlich vollkommen eingestellt, ohne jedoch zu wissen, dass Sri Lanka eine ganz andere Art der Zeitverschiebung für mich bereithalten sollte.

Von Wechselklamotten und Zombiegefühlen

Vor unserer Abreise hatten Torsten, Sven und ich erfahren, dass zu unserer Begrüßung am Flughafen nicht nur Martin Henrich und der buddhistische Mönch Samitha anwesend sein würden, sondern auch das Fernsehen. Diese Aussicht war weniger prickelnd als sie klingt, denn die Vorstellung nach einer derart langen Reise direkt vor eine Kamera zu müssen, kratzte harsch an meinem Bedürfnis, vor Kameras nicht wie ein Zombie auszusehen. Um wenigstens ein bisschen vorbereitet zu sein, hatte ich ein paar Wechselsachen ins Handgepäck genommen. Angespannt war ich nichtsdestotrotz, denn ich hatte überhaupt keine Ahnung, welcher Trubel mich jenseits der Flugzeugtür erwarten würde. Blass und übermüdet kam ich an meinem Reiseziel an, frischte mich kurz auf. Vom Fernsehen jedoch keine Spur. Die ganze Aufregung war völlig umsonst gewesen. Naja, fast umsonst.  

Erst ein Blumenkranz, dann ein Tourbus für mic​h 

Nach langen Reisen bzw. in einer neuen Umgebung habe ich gerne erst einmal einen kurzen Moment für mich allein. 20 oder 30 Minuten, in denen ich innerlich ankommen, mich auf das neue einstimmen kann. Das entspannt mich. Die Ankunft in Sri Lanka bot diesen Raum nicht. Selbst ohne den Thrill durch Fernsehkameras, war sofort meine komplette Aufmerksamkeit gefordert, denn Martin Henrich und Mönch Samitha, dessen imposante Statur mich völlig überraschte, begrüßten mich mit einer großen, wertschätzenden Geste: Dem Umhängen eines Blumenkranzes. Was selbstverständlich sofort auf Foto gebannt wurde. Ohne Zögern ging es Richtung Ausgang, wo zu meiner leichten Überforderung mein „Tourbus" bereit stand. Geschmückt und überall beklebt mit der Aufschrift „Tour Janis McDavid". Hatte ich zuvor schon mit meinem Rollstuhl einige Blicke auf mich gezogen, jetzt waren sie mir wirklich sicher.

First Time Vortrag 

Mein erster Vortrag in Sri Lanka führte mich zu einer großen Veranstaltung des Sozialministeriums der Südprovinz. Im Vorfeld, so hatte man mir auf mein mehrfaches Nachfragen versichert, war alles genau abgesprochen worden. Dass ich einen Beamer bräuchte sowie Tisch und Stuhl auf der Bühne (Samitha sollte meinen Vortrag übersetzen) und natürlich, dass Raum und Bühne rollstuhlkompatibel sein mussten. Es würde einer meiner ersten Vorträge in englischer Sprache sein. Uahhh! Ja, meine Aufregung war groß, größer, am größten.

Wie im Film passierte unser kleiner Autokonvoi das hochgesicherte Tor zum Ministeriumsgelände, ein Tross an Sicherheits-Personal flankierte uns bis zur Aufzugtür innerhalb des Gebäudes. Als diese sich wieder öffnete, standen wir allein im Vorraum zum Vortragssaal. Alle waren weg. Und nun?

Kein Schlüssel, kein Beamer, kein Nichts

Es war wortwörtlich ein Schritt ins Leere. Erst durch Nachfragen erreichten wir, dass der Schlüssel zum Raum organisiert wurde. Die nächste Ernüchterung folgte: Nicht nur, dass ich ohne Rampe oder mehrere, kräftige Träger gar nicht mit dem Rollstuhl auf die Bühne gekommen wäre, nein, der Raum glich einem Hörsaal, mit aufsteigenden Sitzreihen. Zur Bühne ging es folglich hinunter. Endlose Stufen. Keine Chance für den Rolli.

Allmählich wurde ich nervös. Zwar war ich etwas zeitiger vor Ort gewesen, als ich es bei anderen Vorträgen bin, doch nun schien die Zeit davon zu laufen. Der Raum: nicht passend. Selbst wenn er es gewesen wäre, die Bühne glänzte mit der Nichtanwesenheit von Tisch und Stuhl. Ein Beamer? Fehlanzeige. Kurzum: es war nichts vorbereitet. Dafür trafen bereits die ersten Gäste ein.

Was ist Zeit?

Ihr erinnert euch: Ich bin es, Janis, der Ungeduldige, der Schnelle, der Perfektionist. Und vor mir ein Nichts! Allmählich wurde mir klar, dass ich hier mit „meiner Art" nicht weiterkommen würde. Meine Aufregung drehte mittlerweile völlig mit mir durch.

Es war nicht so, dass niemand sich um uns und unsere Belange, die wir natürlich deutlich äußerten, kümmerte. Doch alles geschah in einer Gemütsruhe, die mich – zumindest innerlich – völlig fassungslos machte. Jedes, wirklich jedes Teil, das wir brauchten, wurde einzeln und nacheinander herangebracht. Die Stuhlreihen hatten sich längst gefüllt, vor inzwischen flockigen 45 Minuten hätte offiziell die Veranstaltung beginnen sollen…

Ob ich den Vortrag tatsächlich gehalten habe und wenn ja: wie, das erfahrt ihr in Part 3 der Sri-Lanka-Story.


Und weiter geht das Abenteuer:

...

Problem- oder Komfortzone? Warum Timing nicht alles ist (2016 - Sri Lanka 3)

Vor bereits 45 Minuten hätte der Vortrag beginnen sollen. Herzklopfen, Pulsrasen, entgleiste Gedanken. Gibt es ein Leben nach dem Timing? Konnte das hier noch etwas werden? Wie sollte ich unter diesen chaotischen Umständen jetzt noch einen brauchbaren Vortrag abliefern? Diesmal, so schien es mir, hatte das Wachstum jenseits der Komfortzone nur eine Frucht: Probleme.

Wie das Abenteuer begann: 

...

Zufall für Fortgeschrittene (Sri Lanka 1)

Auf Kuba eine Nachricht von einer Frau zu erhalten, die kurz zuvor in Asien einen Mann getroffen hat, der jemanden kennt, der in Sri Lanka ein Projekt betreut, bei dem wiederum jemand dabei ist, der ein Video von mir gesehen hat, und mich nun unbedingt für einen Vortrag in diesem Inselstaat gewinnen will, klingt ziemlich … ziemlich … bekloppt?

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Meister oder Schüler – hast du wirklich die Wahl?
Der Kopfschüttel-Index – Erfülle dich selbst, nich...

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