Mehr als Körperwelten

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„Naja, du warst ja auch immer drauf angewiesen." Bei einem Gespräch über Pünktlichkeit, quittierte ein Bekannter von mir meinen ausgesprochenen Hang zur Termintreue mit diesen Worten. Ja, es scheint logisch. Wer anscheinend öfter als andere auf fremde Hilfe angewiesen ist, muss wohl viel Wert darauf legen. Wäre ich mit Armen und Beinen etwa ein unzuverlässiger Chaot geworden?

Wieviel Körper ist meine Persönlichkeit​?

Ob Buch, Blog, Vortrag oder Begegnung – einige meiner Eigenschaften haben überall Präsenz und sind immer wieder Thema. Zum Beispiel mein Sinn für Strukturen und eine gewisse Ordnung (> Ich liebe Schubladendenken). Ebenso mein Faible für Pünktlichkeit. Ich bin gewissenhaft, schätze verbindliche Abmachungen und bereite mich gerne vor. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Auftritt, eine Reise oder den Kinobesuch mit meiner besten Freundin handelt. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich die überdeutliche Ausprägung dieser Eigenschaften mit einem körperlichen Merkmal in Verbindung gesetzt. Kausal. Weil ich keine Arme und Beine habe, bereite ich alles immer gut vor.

Wirklich? Weil​?

Während ich als Kleinkind keine Ahnung hatte, dass ich „anders" bin, spielten meine fehlenden Arme und Beine während meiner Pubertät und Jugend eine große Rolle. Das körperliche Merkmal schien Dreh- und Angelpunkt für alles Mögliche zu sein. Manchmal sicherlich mit leicht grotesken Auswirkungen. Viele Charaktereigenschaften knüpfte ich selbst automatisch an die Eigenschaften meines Körpers. Natürlich bin ich ungeduldig, weil ich immer auf irgendwen warten musste. Natürlich bin ich strukturiert, weil mir das das Leben erleichtert. Natürlich bereite ich mich vor, weil ein Rollstuhl und Unvorhergesehenes eine blöde Kombination sind (putzig, irgendwie. Als ob doofe Überraschungen mit Beinen leichter zu ertragen wären).

Nicht trotz oder weil! Mein Charakter existiert parallel zu meinen körperlichen Eigenschaften!

Dann eben andersrum​!

Mit diesen Kausalitäten bekam das körperliche Merkmal eine Bedeutung, die mir nicht passend schien. Nicht umsonst schrieb ich damals in meinem Buch, dass ich dem Fehlen von Armen und Beinen allenfalls eine Statistenrolle in meinem Leben zugestehen mag. Verrückt ist, dass genau dadurch erst einmal eine Phase folgte, in der es richtig viel, oft und ausführlich um genau dieses Fehlen von Armen und Beinen ging. Ich wurde Experte im Bundestag rund ums Thema Inklusion. Mit dem Ablegen des Weils öffnete ich dem Trotzdem die Tür. Keine Gliedmaßen? Trotzdem reise ich, trotzdem tanze ich, trotzdem studiere ich, trotzdem fahre ich Auto.

Wirklich? Trotzdem​?

Ja, manchmal scheint es ganz praktisch zu sein, das eine oder andere Verhaltensmuster bzw. die charakterliche Entwicklung damit zu erklären, dass man bestimmte körperliche Eigenschaften hat. Oder eben nicht hat. Für mich selbst kann ich hierzu allerdings nur sagen, dass das, was ich bin, was mich charakterlich ausmacht, jenseits aller Weils und Trotzdems angesiedelt ist. Dass ich keine Arme und Beine habe spielt keine Rolle und spielt eine Rolle und spielt keine Rolle. Das ist so. Andere haben keine Locken. Meine Ungeduld oder meine Verbindlichkeitsliebe existieren parallel dazu. Nichts weiter. Der große Unterschied zu früher ist, dass ich mich immer besser kenne und immer genauer weiß, wer ich bin, was ich mag, was ich brauche. Und ich habe immer weniger Scheu genau das zu sein und zu artikulieren, ohne etwas Erklärendes hinterher schicken zu müssen. Mein Sosein braucht keine Legitimation durch was auch immer.

Falls du einen Kompass brauchst, wie nah und gut du schon bei dir angekommen bist, dann beobachte einfach, wie oft du deinen Körper und seine Merkmale oder irgendwelche Umstände als Erklärung dafür heran ziehst, wie du bist und was du willst. Ich bin gespannt, was du für dich dabei entdecken wirst!


Coverfoto: Katy Otto

Homo + Digitalis = mehr Mensch?
Glamour und Grauen: Welcome to New York!

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